04/07/2009

Elixir

Jazzkritikers Elixir.

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Nun wird es wirklich mal Zeit, mit einem seltsamen Phänomen aufzuräumen, das in Deutschland seit Jahren immer größere Kreise zieht und auch etwas mit Klang zu tun hat.
Ich nenne es mal das Lustige Englische Nasalproblem (LEN).
Kurz gesagt hat offenbar jeder gefühlte zweite Deutsche ein ernstes Problem damit, das Wörtchen „Lounge“ auszusprechen.
Als ich das zum ersten Mal wahrnahm, habe ich es noch staunend und zweifelnd ignoriert, um der Peinlichkeit zu entgehen, meinen Kumpel lehrerhaft korrigieren zu müssen.
Hätte ich mal rechtzeitig damit angefangen! Nun haben wir nämlich den Salat: Das Lustige Englische Nasalprobem hat sich quasi als Mode selbst ausgewildert!

Was da aus deutschen Mündern flutscht, wenn sie versuchen dieses an sich einfache Wörtlein auszusprechen, scheint eher die Annäherung an einen noch unscharfen Gedanken zu sein, als die knallharte Bezeichnung eines Ortes zum Herumlungern. Da wird in die gute alte Lounge dann da, wo das u auf das n trifft um sich mit dem g zu vereinigen, ein unentschiedener Nasal rein gefriemelt, der so unentschieden ist, dass er quasi den unbewussten Zweifel an seiner eigenen Berechtigung verkörpert.
Beim Versuch, diesem Phänomen auf den Grund zu gehen fand ich im Internet sogar Foren, in denen diskutiert wird, wie man das Wort denn nun ausspreche.
Da fanden sich dann viele phantasievolle Versionen, angefangen bei „Loansch“, über „Looohsch“ und „Lau’sch“ bis hin zu: „Ein wenig wie Lursch“.
Die hübscheste und absolut durchgeknallteste Erklärung, abgegeben von einem offensichtlich berufenen Aussprache-Genie, war jedoch:
„[Looang/sch] Irgendwie eben mit ong, das g aber weich, das o etwas länger, während das a etwas kürzer, und weich, aber kurz das sch.

Lustig, nicht!! Wie irgendwie das alles ist!!!
Und mein Gott, woher hat der das???
Dabei gibt’s da gar kein Irgendwie.
Nein.
Der Fall ist völlig klar.

Man kann in kürzerer Zeit, als man braucht, um ein Ei mittelhart zu kochen, sowohl in herkömmlichen Nachschlagewerken, als auch in der Welt des Internets leicht herausfinden, dass es sich dabei um ein Englisches Wort handelt, das es im Französischen nicht, oder aber nur als Anglizismus gibt.
Weil es eben Englisch ist.

Außerdem gibt es im Englischen auch keinen solchen Nasal. Das ist zwar schade, aber auch gut so. Also spricht man das Wort auch einfach Englisch aus. Also am ehesten „Laundsch“.

Ich meine, soll jeder alles aussprechen, wie er will!! Aber es macht mir schon etwas Angst, wenn der Deutsche versucht, über den Umweg des Französischen den Nasal im Englischen einzuführen.

Irgendwie ist das alles doch ein bisschen ong! Oder nicht?

Naturgemäß zieht mich der Club der Polnischen Versager an. Ich bin zwar weder Pole, noch Versager, aber ich mag den Namen und den dazugehörigen Club sehr gern. Der Laden hat sich das Scheitern auf die Fahnen geschrieben und macht das auch sehr nett. Das Scheitern. Denn Scheitern ist realistisch. Mal ehrlich.

Passend dazu kommt die Konzertreihe ClubJazzDebakel daher. Seltsam ist nur, dass da eigentlich nie Debakel zu hören sind.

Ich mache ja keinen Hehl daraus, dass ich das Gros der Berliner Jazzszene für einen debakelösen Sumpf halte, aus dem anästhesierende Miasmen aufsteigen und der bewohnt ist von keimfreien Langweilern, Angebern und präzise hardboppenden Blechnattern, die an der Hochschule gelernt haben, wie man fehlerfrei dudelt. Der also eine weitgehend charismafreie Zone ist. Auch das ist eine Art des Scheiterns.

Aber keine, die ich mag.

Umso schöner ist es, wenn über diesem Sumpf schwebend hier und da ein paar irrlichternde Pretiosen auftauchen!

Die Karfunkel der Jazzmusik! Wo allein schon die mangelnde Angestrengtheit ein labendes Elixir ist und erwachsene Menschen erwachsene Musik machen!

Gestern also war es wieder so weit: Eine Pretiose erhob sich aus dem Sumpf!

Potsa Lotsa!

Zum diesmonatigen ClubJazzDebakel, also am 3. Juli 2009, gab es eine besondere Verneigung vor Eric Dolphy zu hören, der ziemlich genau vor 45 Jahren hier in Berlin verstarb.

„Potsa Lotsa“ heißt die Combo um die Altsaxophonistin Silke Eberhard. Die ist eine ganz vorzügliche Saxophonistin und in Berlin (und darüber hinaus) mit großer Sicherheit eine der hell leuchtenden Gestalten an ihrem Instrument.

Und das ambitionierte Projekt, das sie da zusammen geschraubt hat, kann sich wirklich hören lassen. Die verwinkelte Musik eines der bärtigen und besten Onkels der Jazz-Avantgarde für ein reines Bläserquartett zu beatmen, hätte heikel sein können. Wurde aber dank der ausnahmslos herausragenden Musiker mit sichtbarer Spielfreude und in zweifelsfrei hoher Qualität beackert.

Und außerdem ist mir diese Band seltsam sympathisch, obwohl die Musiker ausnahmslos Beinkleider aus blauem Jeansstoff trugen.

Silke Eberhards Können auf dem Saxophon ist Dolphys Musik in jeder Hinsicht gewachsen. Da fehlt mir gar nichts! Frau Eberhard ist wendig wie ein Wiesel, einfallsreich, temperament- und humorvoll. Ob sie nun im Duo mit Aki Takase Ornette Colemans frühes Werk durchwandert, oder in Zukunft vor hat, sonst noch irgendwelche Hommagen an die Väter, Mütter, Onkels und Tanten des Freejazz abzuliefern: All das wird ohne Zweifel interessant sein.

Der Trompeter Nikolaus Neuser ist ein nicht minder leuchtender Vertreter seiner Zunft. Ein ausgezeichneter und beredter Trompeter ohne Fehl und Tadel. Feine Ideen verquicken sich hier mit flinken Fingern und fescher Pustetechnik. Außerdem hat er ein Temperament, das mir bei vielen Trompetern schlicht fehlt.

Der Tenorsaxophonist Patrick Braun, sonst wohl vor allem eher dem Swing und älteren Jazzkalibern zugeneigt, zeigte sich hier als auffällig versatiler Modernist. Die Soli waren angemessen kantig und sein Ton wohltuend unmodern, ja einen Hauch altertümelnd. Und das, gemischt mit dem zeitgenössischeren Kram, kommt dann gut individualistisch rüber.

Posaunist Gerhard Gschlößl zeigte sich ernsthaft verspielt und gesegnet mit jenem musikalischen Wolpertingertum, das ich gut leiden kann. Kreativ auf so eine posaunentypische, leicht brachiale Art. Da kocht und brodelt jeder Ton, genauso wie die Spucke! Man hört Lippe und den Atem, wie der Herrgott ihn den Bayern geschenkt hat. Mächtig und polternd. Und manchmal auch ganz sachte.

Das Blechsoloduett von Gschlößl und Herrn Neuser über „Out To Lunch“ am Ende des Konzerts war motoresk schnurrend, kompetent Geräuschhaft und wirklich witzig. Ja, eigentlich waren alle Soli gut, aber da es das letzte war, erinnere ich mich am besten daran.

Da hat die Band, vor allem auch Silke Eberhard als Chefin, wirklich mal was geleistet! Derart sperriges Zeug so kurzweilig und sympathisch zu gestalten, ist allein schon Kunst. Dann kommt da noch ein Haufen Talent drauf und macht es auch noch zu guter Kunst.

Bemerkenswert auch, dass weit und breit weder Bassklarinetten, noch Querflöten zu sehen waren.

Fazit: Anspruchsvolles Zeug, anspruchsvoll gespielt. Viel Spaß gehabt. Bröckelberg zufrieden.

http://www.myspace.com/potsalotsa